Handweberei – Mühsal und Glück zugleich!
„Oh je, wie mühselig das ist, bis ein Stück Stoff fertig ist“ und „Das ist bestimmt auch richtig entspannend“ – typische Äußerungen von Besucher*innen der Webwerkstatt im Speicherhaus Nr. 3 am Johannikirchplatz in Billerbeck. Beides stimmt, denn es kostet viel Zeit, den Webstuhl für ein neues Stück einzurichten. Viele hundert Fäden werden vom Kettbaum geordnet und je nach Muster einzeln durch Litzen auf Schäften gezogen, danach durch das Webblatt. Davor stehen Materialauswahl, Musterplanung (Bindung genannt) und das Schären der oft viele Meter langen Kettfäden. Diese müssen auf den Kettbaum aufgebracht werden, im Fachjargon „die Kette bäumen“. So vergehen mehrere Tage, bis gewebt werden kann.
Ich, Margit Althoff aus Billerbeck, webe seit vielen Jahren und mache seit Mitte 2025 das Handspinnen und vor allem die Handweberei im alten Speicherhaus erlebbar. Ich sehe Weben immer als Zusammenspiel von Technik, Handwerk und künstlerischer Gestaltung – und als Teil der regionalen Kulturgeschichte. Die Aufnahme des Webens 2023 in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes bestätigt die Bedeutung und ist gleichzeitig Herausforderung.
Viele Generationen vor mir nahmen die Mühen der Handweberei auf sich – nicht aus Lust oder Entspannung. Bis zur industriellen Revolution im 19. Jahrhundert war Handweberei eine schlecht bezahlte, oft gesundheitlich belastende, aber sichere Einkommensquelle vieler Haushalte und sicherte den Eigenbedarf an Textilien. Grundlage war der bis ins 20. Jahrhundert verbreitete Flachsanbau, auch im Münsterland und rund um Billerbeck. Gewebt wurde auf einfachen bäuerlichen Handwebstühlen, die auf vielen Höfen standen. Für den Eigenbedarf und den (Tausch-)Handel mit „Kiepenkerlen“, die handgewebte Leinenballen aufkauften und in die Städte und bis in die Niederlande brachten.
Mit der industriellen Revolution änderten sich die Herstellungsprozesse grundlegend, das Weben verlagerte sich in Städte. Viele Familien und Berufsweber auf dem Land verloren so ihre Existenzgrundlage. Auch Billerbecks Geschichte war über Jahrhunderte von Handweberei, später industrieller Herstellung geprägt. In der „Alten Schmiede“ an der Münsterstraße 22 standen im 18. Jahrhundert mehrere Webstühle. In und um Billerbeck gab es viele Webstühle, Bleichplätze für Leinen und eine Walkmühle für Wollstoffe. Heute erinnert nur noch der Leineweberweg daran. Die im Zuge der Industrialisierung in Billerbeck entstandenen mechanischen Webereien und Strumpfwirkereien sind seit Ende des 20. Jahrhunderts fast alle Geschichte.
Ich betreibe die Webwerkstatt, um die Entstehung von Garnen und Stoffen wieder sichtbar zu machen. Vom Entwurf über die Gewebeplanung, das Einrichten der drei Webstühle bis zum Webprozess zeige ich alle Arbeitsschritte anschaulich. Ähnlich bei handgesponnenen Garnen.
Besucher*innen hören Geschichten über die lange Tradition des Spinnens und Webens und erleben, dass die Mühen der Handweberei durch Entspannung beim Weben belohnt werden. Es gibt immer neue Webprojekte, inspiriert durch Materialien, handwerkliche Möglichkeiten und Austausch mit anderen Weberinnen. Die entstandenen Objekte verbinden Alltagstauglichkeit mit Ästhetik – von Schultertüchern über Geschirrtücher bis zu Decken und Wandbehängen sind viele Stücke im Speicherhaus Nr. 3 zu sehen und auch erhältlich.
Text: Margit Althoff / 2026
Die Webwerkstatt ist freitags von 14:00 bis 18:00 Uhr geöffnet. Besuche auf Anfrage und in kleinen Gruppen sind möglich.
Kontakt: Margit Althoff, 48727 Billerbeck,
Mail: margit.althoff@web.de , Mobil: 01575 6299 478